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Mittwoch, 07.10.2009

Norwegian Kids - Hilfe die Carlsens kommen

Das Gocher Open vom 1.10 bis 4.10.09 hatte mit 145 Teilnehmern fast die Rekordmarke erreicht, nicht zuletzt wegen der illustren Schar von ausländischen Spielern. Neben den Stammgästen aus den Niederlanden fanden sich diesmal  etwa ein Dutzend lebenslustige Kids aus Norwegen mit ihren Betreuern ein. 

Sie kamen vom " Toppidrettsgymnas“ in Oslo, einem College für Spitzensportler, dem auch Magnus Carlsen entsprungen ist.Sein Entdecker und Förderer dort war sein Lehrer Simen Agdestein. 

 Nun, in der 2.Runde wurde mir der kleine Sebastian Mihajlov zugelost, der mit einer DWZ von 1256 angereist war, nachdem ich die Startrunde siegreich überstanden hatte. Die Eröffnung spielte der Knirps schnell aus dem Ärmel, allerdings - so schien es mir -   eher aus Ungeduld und Lampenfieber denn aus fundiertem Theoriewissen. Ich fragte mich plötzlich, ob er denn bald die kleine oder große Rochade ausführen würde? "Ach, der kennt wahrscheinlich nur die kleine" - schoß es mir durch den Kopf.Nach weiteren unerwarteten Schnellzügen des Norwegerkinds wuchs meine Unsicherheit. Ich lief in den Flur zu den ausgehängten Ergebnislisten, um zu sehen, gegen wen er seinen Erstrundensieg gelandet hatte. Tatsächlich, ein Schachrecke mit einer ELO von  über 2000 war von ihm besiegt worden. Bei meiner Rückkehr ans Brett servierte der Junior mir noch eine staubtrockene Riposte auf ein"chancenreiches Bauernopfer", das ich blöderweise eingestreut hatte. Wenige Züge später stand ich hoffnungslos platt. Von nun an kletterte Sebastian häufig von seinem Stuhl (er saß etwas verdreht in einer Art Korkenzieherposition), wechselte die Tischseite, stellte sich neben mich und schaute konzentriert "mit den Augen des Gegners" auf die Stellung. "Aha ,"Norwegische Schachschule",  dachte ich so bei mir, so lernen die Kids auch die Schattenseiten des Schachlebens kennen . Mehrmals - mir schien, immer wenn ich gepatzt hatte - wiederholte er diese Art der Ruinenbetrachtung.

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Freitag, 11.09.2009

Der Lazarus-Modus


Nach monatelanger selbst auferlegter Schachabstinenz richte ich meinen Blick vorfreudig auf das GOCHER OPEN, das vom 1.10.09 bis 4.10.09 stattfinden wird. http://www.gocher-open.de/ Seit einigen Jahren verbringe ich dort meinen „Jahresurlaub“. Die Spielbedingungen sind optimal : engagierte, humorvolle Turnierleiter, großzügige Architektur , ausreichend Toiletten und genügend Parkplätze sind vorhanden.

Einziger Wermutstropfen für manche (Semi)-Professionals ist die 3 Punkte -Regelung, die nicht immer die besten Spieler aufs Treppchen läßt. -

Amateure wie ich haben natürlich andere Ziele: Den Großen ein Beinchen stellen, eine ELO-Zahl erwerben oder verbessern, länger als eine Runde auf der Bühne verharren (vor allem am Wochenende, wenn die Vereinskollegen mal vorbeischauen )...und ein wenig Schachfolklore genießen.

Das heißt: Mein Startgeld ist lediglich die Eintrittsgebühr (wie beim Kinobesuch), für ein möglichst

unterhaltsames Event. Dazu gehört auch das Treffen von Schachfreunden , die man seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hat.

Im letzten Jahr hatte ich das Glück, Peter N. Aus U. anzutreffen, den ich wegen seiner satirischen Schärfe und seiner Eloquenz sehr schätze. Ein Lustwandeln durch den Turniersaal mit ihm bei voller Nervenanspannung der übrigen Akteure ist für mich schon das Startgeld wert.

Gerade die aufkommende Zeitnotphase regt zum Wandern an, und ich folge seinem Schritt:

Ein früherer Mannschaftskamerad von uns steht klar auf Gewinn, hämmert sich allerdings gerade durch die Zeitnot, schaut mehr auf die Uhr als aufs Brett, was den Kiebitz naturgemäß anlockt. Noch 3, dann 2 , dann noch einen Zug bis zur Zeitkontrolle, dann ist es geschafft: Er hat seine Gewinnstellung restlos ruiniert!

Ich drehe mich weg, da ich nicht kondolieren möchte. Peter holt mich zurück:“ Der spielt weiter“, flüstert er. Die Uhren werden entsprechend umgestellt. Unser Mann liegt teilnahmslos in seinem Turnierstuhl, hat seine Kappe tief ins Gesicht gezogen. „Warum gibt er nicht auf?“ frage ich ein wenig entgeistert. „ Er spielt jetzt im „LAZARUS-MODUS“, whispert mein Begleiter.

Tatsächlich, er gibt sich (scheinbar) auf. Er hofft (insgeheim?) auf ein Wunder. Hier hilft mir (nachträglich) Wikipedia, um den Schachfreund Stefan zu verstehen:“



Johannesevangelium [Bearbeiten]

Nach dem Johannesevangelium (Joh 11,1–45 EU) sind Lazarus und seine Schwestern Martha und Maria besondere Freunde Jesu. Nachdem dieser in Abwesenheit von der Krankheit des Lazarus erfährt, bleibt er noch zwei Tage im Norden Israels in der Nähe des Sees Genezareth und reist dann nach Bethanien, das in der Nähe Jerusalems liegt (Joh 11,18 EU). Lazarus ist in der Zwischenzeit gestorben und bei der Ankunft Jesu bereits seit vier Tagen in einer Höhle beigesetzt. Jesus lässt den Stein vom Grab wegwälzen. Auf den Zuruf Jesu „Lazarus, komm heraus!“ verlässt dieser – noch mit den Grabtüchern umwickelt – lebendig das Grab

Diese Hoffnung erfüllte sich leider nicht.

Nach dieser eindrucksvollen Visite kam mir ein ähnlicher Vorfall wieder zu Bewußtsein, den ich eigentlich wegen seiner Unappetitlichkeit verdrängt hatte: Ein Jahr zuvor war mir selbst ein solcher LAZARUS begegnet, der nach einem gravierenden Eröffnungsfehler - "noch mit den Grabtüchern umwickelt"- lebendig das Grab verlassen zu hoffen wagte.

Ähnlich wie bei meinem ehemaligen Mannschaftskameraden war auch hier die plötzliche Sterbensnachricht (schon in der Eröffnung!) Auslöser für den modifizierten LAZARUS-MODUS.

Es begann freundlich, sportlich, vorbildlich....

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. d4 exd4 4. Nxd4 Bc5 5. Be3 Qf6 6. Nb5 Bxe3 7. fxe3 Kd8
8. N1c3 a6 ???

Nach 9.Nxc7 usw . spielte der Wundergläubige  allerdings nur noch stehend weiter. Nach jedem seiner Züge verschwand er schleunigst, um dann - eher beiläufig  mal vorbeischauend - stehenden Fußes adhoc den nächsten Zug auszuführen. 

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Mittwoch, 17.06.2009

I was so much older then when I was young

 

Vor etwa 40 Jahren nahm ich zum erstenmal an einer Seniorenmeisterschaft teil. Nun schaue ich nach vorn und freue mich darauf, in ca 2 Jahren wieder dort anknüpfen zu können...

Mich interessiert die Frage, ab wann der Senior diese eigenartige Verjüngung erfahren hat, die ihn seit einiger Zeit bis zum 60.Lebensjahr von Seniorenturnieren fernhält?

Wie sollen wir die Zeit zwischen Jugend und – Seniorenmeisterschaften nennen? Spiele ich (noch) in einer Erwachsenenliga oder gibt es schon Ü 50 und U 60 Klassements – wie in anderen Sportarten. Es wird immer komplexer und schwieriger. Wer geht schon zu einer Ü 30 Party, wenn er nicht weiß, wo die nächste Schallmauer beginnt?

Liegt nicht in dem „neuzeitlichen“ Differenzierungsgewusel latent eine diskriminierende Komponente? Wer Deutscher Seniorenmeister geworden ist, wird – so vermute ich – nicht eine Woche lang ausgelassen feiern, sondern nur eine eingeschränkte Freude empfinden können.

Gerade das Schachspiel, das den Riesenvorteil hat, sehr viele unterschiedliche Menschen (von jung bis sehr alt) ob reich, ob arm im Wettstreit zusammen zu bringen, wird zunehmend dieses „demokratischen“ Charakters beraubt.

Gerne schaue ich mir Marathonläufe an. Vom hohen Favoriten bis hin zum 75 jährigen Dauerläufer, der gern mal vor dem Besenwagen ins Ziel kommen möchte, gibt es bekanntlich eine große Palette von Sportsfreunden, die nicht nur gegen die anderen, sondern für sich laufen...und ihre Leistung einzuordnen verstehen.

Der gemeine Schachspieler – wie ich – spielt vielleicht deshalb am liebsten ein OPEN !


Sonntag, 22.03.2009

Der Damenverlust des Nachbarn Samuel

"Immer wenn ich ein Schachbrett sehe, muß ich an meinen Nachbarn Samuel denken. Er brachte mir das Schachspiel bei.
Er wohnte mit seiner Frau in einem kleinen Haus uns schräg gegenüber. Schlechter als diese zwei konnten Eheleute nicht zueinanderpassen. Beide aber ertrugen die Misere mit Geduld. Seine Frau war eine fromme Katholikin. Sie ging jeden Morgen in die Messe und tadelte ihren Mann, weil er lieber Schach spielte. Sie war liebenswürdig, höflich und bescheiden, aber sehr geizig, deshalb mieden die Nachbarinnen sie.
Meine Mutter erzählte, sie erlaube niemandem - nicht einmal Samuel -, im Salon zu sitzen, denn die Sessel und Sofas dort sollten nur dann belüftet und benutzt werden, wenn der Bischof einmal im Jahr, kurz nach Ostern, kam.
Samuel war beliebt. Er scherzte gerne und lachte viel, und wenn er nicht im Café Schach spielte oder sich mit Passanten auf der Straße unterhielt, stand er Sommer wie Winter auf dem Balkon und zog an einer Zigarette. Er durfte in der Wohnung nicht rauchen. Seine Frau hielt Rauchen für eine Sünde, eine Geldverschwendung, und auch den Gestank konnte sie nicht ertragen.
Er rauchte also nie in der Wohnung, bis zu dem Tag, an dem seine Frau durch einen Herzinfarkt im Schlaf starb.
Einen Tag später besuchten ihn die Nachbarn, um nach ihm zu schauen. Sie fanden ihn im Salon. Er saß im bequemsten Sessel, hatte seine Füße auf den Tisch gelegt und rauchte. Die Nachbarn mußten sich durch eine dichte Rauchwolke zu ihm durchkämpfen, um ihn ein wenig zu trösten. Er aber hustete und wiederholte mehrmals fast heiter: "Ich weiß, ich weiß. Sie war eine liebe Frau."
Zwei Tage später holte er Handwerker ins Haus und ließ es renovieren. Dann riß er alle Fenster auf, und von der Straße aus sah man ihn im buntgestrichenen Salon vergnügt seine Zigaretten rauchen.
Von nun an ging er nicht mehr ins Café, sondern lud alle Freunde zu sich nach Hause ein."

(Auszug aus der Rede von Rafik Schami"Ein Garten für die Jugend" anläßlich des Weilheimer Literaturpreises 2003)

Der Text ist erschienen bei Hanser innerhalb des Buchs"Damaskus im Herzen" und - als Hörbuch "Ein Garten für die Jugend" bei LangenMüller. Die Rede des großartigen Erzählers in vollem Wortlaut :  http://www.rafik-schami.de/schami_e_1.cfm

Wer sich nicht nur für Schach interessiert, sondern auch mal den Blick weit über das Brett hinausschweifen lassen möchte, dem empfehle ich - neben den zahlreichen Büchern des syrischen Autors - seine Dankesrede anläßlich der Verleihung des Nelly -Sachs -Preises 2007 : http://www.woz.ch/artikel/2007/nr51/leben/15784.html


Samstag, 24.01.2009

Durch Opfer reifen...


So lautete die Kapitelüberschrift einer Rede von Papst Benedikt vor Priestern in Albano 2006, in der er an die Opferbereitschaft der Menschen appellierte. Zum Schluß dann der markante Satz:

"Und miteinander müssen wir lernen, dass es schön ist, durch die Opfer zu reifen und so für das Heil der anderen zu arbeiten".

Ich muß gestehen, dass ich in dieser Hinsicht schon Enormes geleistet habe. Mein entsprechender Reifegrad ist mittlerweile ausstellungswürdig. Also Zeit, die Reißleine zu ziehen und kritisch zu hinterfragen, ob diese "Heilslehre" nicht irgendwann überholt ist.

Papst Benedikt, recht jung im Amt, doch alt an Jahren, greift - wenn man es genau betrachtet - eine alte Idee von Rudolf Spielmann auf, der schon 1935 mit seinem Buch "Richtig opfern" dem plumpen Materialismus eine Absage erteilte. Vor allem seine Definition vom "richtigen Opfer", nämlich dem nicht exakt berechenbaren, sondern intuitiven , bin ich jahrelang mit großer Hingabe (!) gefolgt.

 

Bis letzten Sonntag!

Im Mannschaftskampf gegen Meiderich (Heidemann, Sabat,Gecks - nur für alte Säcke dechiffrierbar) wollte ich von Beginn an den Ball flach halten, um dann doch im frühen Mittelspiel eine typische Spielmann-Stellung zu produzieren.

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Dienstag, 16.12.2008

Ehre wem Ehre gebührt

Nach den lebhaften Diskussionen um den “Dopingskandal” bei der Schacholympiade in Dresden , als Iwantschuk den Spielort nach seiner verlorenen Partie fluchtartig verließ ohne pflichtgemäß eine Urinprobe abzusondern, wird mir allmählich klar, dass Schach als Sportart häufig nur noch als kabarettistischer Pausenfüller wahrgenommen wird.

Robert Hübner hat - auf seine Art - ein markantes Statement dazu abgegeben, das vielleicht (hoffentlich) ein Umdenken im Selbstverständnis der Schachspieler anzetteln könnte.

Im Souterrain der schachlichen Vervollkommnung durfte ich vor einigen Tagen hautnah erleben, wie sich ein SCHACHSPORTLER inmitten der anderen Sportler fühlen kann (muß).

Anlaß war die Ehrung der Stadtmeister und Spitzensportler in der Stadt, für dessen Schachverein ich tätig bin. Der Bürgermeister hatte eingeladen, und ich als Stadtmeister der Gemeinde hatte schriftlich meine Teilnahme zugesagt, da ich mich als “Repräsentant” des Vereins verpflichtet fühlte Präsenz zu zeigen und auch der kleinen Eitelkeit der “Ehrung” erliegen wollte.

Viele Sportler, noch mehr Funktionäre ( so erschien es mir zumindest) und ein Sinfonieorchester fanden sich im örtlichen Rathaus ein. Außer zwei Orchestermusikerinnen aus meiner Heimatstadt kannte ich niemanden und schaute mich im Festsaal um. Der Zustand des Fremdseins ist mir vertraut und schreckt mich wenig. So versuchte ich mir ein Bild zu verschaffen, welcher Gast hier im Saal welche Sportart ausübt, bzw.; wer ist hier Sportler? Wer ist (lediglich) Funktionär?

Das Orchester spielte ein Stück aus “My fair Lady”, Applaus, dann die erste Rede des Tages vom Vorsitzenden des Stadtsportverbandes, der die “herausragenden Leistungen” der Sportler und ihre “Vorbildfunktion” herausstellte. “Besonders begrüßt” wurden etliche “Würdenträger”, die sich bei Erwähnung ihres Namens brav erhoben und mit Beifall wieder zum Sitzen gebracht wurden. Dann das Orchester wieder, das den Auftritt des Bürgermeisters wohl musisch vorbereiten sollte: Schmissig und gekonnt , von einer feurigen Dirigentin angestachelt, nahmen die Musiker allmählich Fahrt auf, mußten jedoch ihre Fulminanz nach einem Musical-Stück beenden, damit der Bürgermeister seine (natürlich vorbereitete) Rede halten konnte. Sie dauerte (natürlich) recht lang, war allerdings wesentlich gestenreicher als beim Vorredner, besonders bei den sozialen Aspekten der Vereinsarbeit (“Jugendliche mit Migrationshintergrund”). - Tja, dann durften die Musiker wieder ran…

Dann der Höhepunkt der Sportlerehrung: Die Ehrung der Sportler!

Eine Funktionärin rief die Namen der zu ehrenden Sportler und deren Sportart auf , und der Bürgermeister überreichte den Pokal, ein paar Funktionärshände mußten in der richtigen Reihenfolge geschüttelt werden. Danke, vielen Dank, danke…

Als Schachspieler inmitten der Sportler, zumal im fortgeschrittenen Alter, ohne jegliche athletische Ausstrahlung fühle ich mich restlos deplaziert. Selbst die ältere Dame, die bei einem 24 Stunden-Lauf der Ü 65 die Siegespalme errungen hat und bei der Ehrung mit viel Applaus bedacht wird, stellt den normalen Schächer locker ins Abseits. Neben mir sitzt eine blutjunge Sportlerin, die sich als erfolgreiche Kanu-Polo-Spielerin entpuppt (ich hatte auf 110m Hürden getippt). Hätte mich beim Entree jemand gefragt, in welcher Sportart ich geehrt werden soll, hätte ich pfeilschnell geantwortet:” Stabhochsprung!”

Wer Schach wirklich zur Sportart erklärt, der sollte auch fähig sein, zumindest das Sportabzeichen zu machen: Als Ausdauersportart schlage ich dabei Fernschach vor…

Samstag, 08.11.2008

Kontemplatives Schach

Ich bin mir sicher, dass ich meine “Schachkarriere” längst beendet hätte, wenn ich nicht die Möglichkeit gefunden hätte, im Geblogge einen Rettungsanker zu werfen.

Die Bloggerei ist eine bequeme Möglichkeit, Wunden zu lecken, Mißerfolge zu entschuldigen, Gegner nachträglich „matt zu setzen“, aus verstaubten Aktenordnern Urkunden  und Presseberichte hervorzuzaubern, um das geschwächte Schach-Ich wieder aufzurichten. Wenn die Reservetruhe leer geräumt ist und keine neuen Glanzpartien erschaffen wurden, dann bleibt immerhin noch die ausgiebige Auswertung von Verlustpartien, die opulente Ausschlachtung der eigenen Patzerhaftigkeit, das  lustvolle Suhlen im Versagensbottich.  Auf Dauer ist dies jedoch eine sehr beengende Bloggerperspektive.  Auch lange Durststrecken und ständige Mißerfolge verlieren – nicht nur für mich – ihren „Charme“.

So verringerte ich allmählich meine Turniertätigkeit, quälte mich in Gewinnstellungen mit Gedanken herum, wie ich die Partie doch noch verlieren könnte… und wartete eigentlich auf den „Fangschuß“, um die geliebt-gehaßte Droge Schach endgültig in den Müll zu schmeißen.

Da kam mir die retttende Idee(Sonntag.Frühstück.9 Uhr20). Ich sagte mir:“ Ab heute spielst du nur noch KONTEMPLATIVES SCHACH.  Ich verbeiße mich nicht mehr in meinen Gegner wie ein Hund, der von der Kette gelassen wird. Ich strebe keine Verwicklungen mehr an, die ich nicht überschauen kann. Ich schaue mir in Ruhe die jeweilige Stellung an und behandele sie wie eine Frage im Kreuzworträtsel. Zug für Zug, Frage nach Frage. Ob ich das ganze Rätsel lösen kann, ist (jetzt) nicht wichtig.

Da ich seit etwa 40 (!) Jahren keinem Händel aus dem Weg gegangen  bin und immer die Jacke voller Streichhölzer hatte, um das Brett in Brand zu setzen, kam mir dieses sonntägliche  Manifest fast revolutionär vor.

Mit dieser neuen Einstellung habe ich dann beim diesjährigen GOCHER OPEN  einen Probelauf gestartet, der mich zwar ELO-mäßig zurückgeworfen hat, jedoch  meine Treue zu CAISSA gefestigt hat.

Das GOCHER OPEN ist seit Jahren mein einziges OPEN, das ich gerne spiele. Im Jahre 2006 war ich dort wieder recht erfolglos, so dass ich aus der Ferne von der „Bühne“, wo sich die Cracks bekämpften, mit meiner Kamera „heimliche Aufnahmen“ machen konnte.

So verbissen wie der IM in dem Filmchen möchte ich nicht mehr kämpfen. 

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Samstag, 06.09.2008

Matt in einem Zug

Freitag, 11.07.2008

Der Bilderfluter

Die übliche Morgenpost (Rechnungen etc) wurde heute aufgefrischt durch eine Zeitschrift, die eigentlich an den Sohnemann adressiert war, jedoch erstmal in meinen Fängen hängenblieb, da mir das Titelblatt sofort ins Auge sprang und zum Aufblättern animierte:

" F l u t e r " - "MAGAZIN DER BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG", Juni 2008. Thema des Heftes:"

 Dabei sein ist nicht alles. Das Sportheft"

. (Auf dem Titelbild: Aus der Vogelperspektive abgelichtet zwei Boxer im Ring. Der eine stehend, zur Ringecke gehend, der andere sehr flach auf dem Rücken liegend, zur Decke starrend.

Ich bin beeindruckt, wie attraktiv und tiefgründig die Probleme des Sports für Jugendliche aufbereitet sind :(Sport und Geld in Deutschland;Klaus Theweleit über Körperkult;Sport ist vom Fernsehen abhängig usw).

Dann stoße ich auf einen Artikel, der mich (natürlich) besonders anzieht:"Sport kann echt den Charakter verderben".

Es werden 8 Beispiele aufgezeigt, die dies bestätigen. u.a. der Olympische Marathonlauf 1972, als ein Schüler mit selbstgebastelter Startnummer plötzlich als erster ins Münchener Olympiastadion einläuft und sich als vermeintlicher Sieger feiern läßt und dem echten Sieger Wayne Shorter die Show stiehlt.

Natürlich darf Zidane mit seinem Kopfstoß nicht fehlen und auch der Ohrenbiß von Mike Tyson gegen Holyfield .

Und auch der Olympische Fünfkampf Montreal 1976 hat seine Skandalfigur:

 Boris Onischenko: "...tritt ...als Mitfavorit im modernen Fünfkampf an. Beim Degenfechten gewinnt er mehrere Kämpfe hintereinander.Im Duell mit dem Briten Jim Fox fällt dessen Teamkameraden auf, dass der Degen weit vom Gegner entfernt ist, als die Lampe aufleuchtet.... " (Onischenko hatte an der Elektronik gebastelt).

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Dienstag, 03.06.2008

Dostojewski,Boticelli und Karel Gott - Als Schachmeister noch Typen waren

Das Internet ist wahrlich ein Segen für das gesamte Schachleben, nicht zuletzt wegen der enormen Informationsfülle, die auch dem Fußvolk der Schächer geboten wird. Es ist eine Demokratisierung der Möglichkeiten, die früher  nur den privilegierten Meisterspielern vorbehalten war.Zudem ist der Unterschied zwischen realem Klötzchengeschiebe und dem Mausgeklicke zwecks Figurenbewegung kaum erwähnenswert. Dennoch erlaube ich mir eine Zwischenfrage:

"Wo fangen Sie an zu suchen, wenn ein Gast Ihre Wohnung betritt und fragt, ob Sie Lust haben, eine Partie Schach zu spielen?! Ich bin mir nicht sicher, wo mein edles Turnierbrett geblieben ist (wahrscheinlich hinter ein Bücherregal geklemmt), doch vollends hilflos würde ich dreinschauen, wenn ich auf Figurensuche gehen müßte....

Und ich erlaube mir  heute einen (verklärten?) Blick zurück in die Zeit, als ich noch abends zum Düsseldorfer Hauptbahnhof stiefelte,um die neuesten Ergebnisse des Bieler Interzonenturniers in einer Schweizer Zeitung nachlesen zu können, als Robert Hübner großartiges Schach spielte.

1977 durfte ich als Vertreter der Uni Düseldorf an der "Deutschen Hochschuleinzelmeisterschaft" teilnehmen, die in  St.Andreasberg  ausgetragen wurde. Im  benachbarten Bad Lauterberg fand gleichzeitig ein Großmeisterturnier mit dem amtierenden Weltmeister Karpov und  anderen Schachgrößen (Torre,Timmann,Miles ,Hübner!etc )statt. Es war ein prägendes Erlebnis, neben dem eigenen amateurhaften Herumstochern, die Meister in der Nachbarschaft zu besuchen, um stundenlang neben den Brettern zu hocken und mitzufiebern. Kein geringerer als der Satiriker Eckhard Henscheid hat in der DZ  vom 25.3.1977 ein Schlaglicht auf diese besondere Veranstaltung geworfen: Er deutet dabei schon an, welche Veränderungen die Schachwelt zu erwarten hat, vor allem, wie  respektlos und frech die neuen "Wilden" ihre Aufgaben angehen:

"Bei Zug 20 steht das Brett in Flammen -

Die neuen Meisterfiguren des Schachspiels.

Anatoli Karpov hat das königliche Spiel in Bad Lauterberg als seriöser Musterknabe vertreten.Aber schon kreuzen flotte Antitypen mit Computerhirn am Tisch auf....

Ja die neue Generation der "flotten Antitypen", die hat Henscheid schnell ausgemacht:

Der Boticelli-Engel

Hundert bis 150 Zuschauer drängeln sich an der Barriere entlang von Tisch zu Tisch, analysieren außerhalb des Turniersaals oder verschwinden kurz im Kaffeehaus.Es herrscht gedämpft-lautlose Dauererregung. Fotografieren ist nach einer halben Stunde untersagt.  Grimmig blickt der dostojewskibärtige Dr.Hübner ein ums andere Mal vom Brett hoch, wenn es trotzdem weiterklickt - das kann er nicht haben, wohl aber offensichtlich seine "Odyssee-Ausgabe, in der der Altphilologe hin und wieder blättert.

Sosonko vetraut beim Match mit Karpov auf Schokolade, der russische Altgroßmeister und Karpov-Trainer Furman raucht als einziger zügig, bis zum 20.Zug immerhin sechs heimatliche Filterzigaretten.Prächtig schmaucht der Turnierleiter Helmut Nöttger seine Zigarre und zischt gemütlich ein Pils.Sonst dominiert schwarzer Kaffee;der Bilderbuch-Phlegmatiker Keene aus England vertraut schwarzem Tee. " -

Genau dieses unmittelbare Erlebnis, Individualisten, Charaktere, kurzum echte "Typen" bei der Denkarbeit zu beobachten, machte den Reiz der Begegnung aus. Mit meiner (nichtdigitalen) Kamera habe ich  damals ein paar Momente  festgehalten, die ich im Folgenden einstreue (Boticelli!!). Henscheid wagt einen Ausblick in die Zukunft:

"Amüsiert zu bewundern war in Bad Lauterberg die neue Großmeistergeneration der Rocker und Beatles. Der Philippino Torre. einer der drei Karpov-Bezwinger seit 1975, verstrahlt Twen-Niedlichkeit im Jeansanzug, der Schwede Andersson spielt in einer Art Rocker-Jacke gegen den wirrhaarigen Blue-Jeans-Engländer Miles. Ein optisch besonders reizvolles Team bilden der Grandseigneur Furman und der Holländer Jan Timman, ein langmähniger Boticelli-Engel in kunstvoll

vergammeltem internationalem Freizeit-Look.

Diese neue Großmeister-Generation, sie will vielleicht doch mehr als nur Schach. Das läßt Unheil befürchten. Ebenso wie die Vision, die jungen Giganten würden noch mit 60 in Jeans gegeneinander vorgehen. Ob da nicht selbst die Würde einer 12 zügigen Kombination Schaden nimmt? Aber noch ist Karpov im schwarzen Anzug Weltmeister.

Doch selbst der angepaßte junge Mann "im schwarzen Anzug" konnte in seiner Blütezeit die Massen elektrisieren, da er unverwechselbar- eben ein Typ war. Amüsant zu lesen, wie z.B. die "Stuttgarter Nachrichten" im April 1977 das Phänomen Karpov anläßlich eines Uhrensimultan gegen 10 starke Amateure zu beschreiben versuchen. Mit großem Aufwand wurden sogar Fernsehkameras in die Daimler-Benz-Sporthalle montiert.

Ein gewisser KNITZ hat sehr genau hingeschaut:

"Was die Kameras freilich wenig zeigen konnten. waren die Hände Karpows: er hat Finger wie ein Pianist.Und wenn er ein Brett abräumt, tut er das zärtlich wie ein Antiquitätenhändler. Und er hat einen reizenden Adamsapfel. Vor welchem Brett er auch immer stand: erst ging der Adamsapfel dreimal rauf und runter. Dann guckte er den jeweiligen Spieler an, als singe Karel Gott das Lied von der Moldau. Dann strich er sich die Haare vor dem Ohr nach unten. Dann räumte er das Brett ab. Oder er wippte wie eine Taube mit dem Kopf und zählte offenbar an den Feldern ab, was geht und was nicht geht . Alles an ihm ist rasch, fein, leise, scheu, freundlich. Die Sowjets zeigen ihre zweite Generation vor, und da geht schon einiges wieder zurück auf Dostojewski...."

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Dienstag, 22.04.2008

Lasker in Alaska

Das neue Buch von Michael Chabon „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ liegt  zusammengeklappt neben meiner Tastatur, gespickt mit eingeschobenen Zettelchen, Kommentaren und diversen Verweisen , als ob ich in Kürze ein Referat dazu abliefern müsse.

Doch in Wirklichkeit ist es wohl nur der schüchterne Versuch, einen wild gewordenen Autor einzufangen, der sich verdammt viele Freiheiten nimmt und auch  historische Personen und Ereignisse fiktional aus den Angeln hebt.

Ich habe nur aus einem einzigen Grund die – anstrengende – Lektüre durchgezogen: Schach ist ein wichtiger Bestandteil des Romans, so die Verlagsankündigung!

Also blättere ich erstmal und scanne blitzschnell mit den Scheuklappenaugen eines Schächers  die 420 Seiten in der stillen Hoffnung, mal wieder einen Autor bloßstellen zu können, der zwar netterweise das Thema „Schach“ in seinem Oeuvre aufgenommen hat, allerdings dutzendfach beweist, dass er keine Ahnung von der Materie hat. Welch ein Grinsen, welch ein Lachen, wenn der Protagonist z.B. von der „Nimzo-kroatischen Eröffnung“ schwadroniert! Da freut sich der gemeine Schachamateur, der im Vergleich zum Schriftsteller fast seine gesamte Freizeit opfert, um durch jahrelanges Training  vom kleinen Patzer zum großen Patzer aufzusteigen.

Michael Chabon  greift in seinem Roman eine alte Idee von Emanuel Lasker auf, der in seinem letzten Lebensabschnitt in New York weilte und sich schriftlich dafür einsetzte, daß die europäischen Juden nach Alaska ausreisen dürften. Was realitätsfremd und naiv wirkte, wurde jedoch von Roosevelts Innenminister Harold Ickes  in den Congress getragen, wo dieser Antrag allerdings brüsk abgelehnt wurde.

Man wollte keine „unwashed immigrant population…“

Der Autor lässt nach dem Holocaust die europäischen Juden für eine Übergangszeit von 60 Jahren nach Alaska auswandern in den District Sitka, wo sie ihre eigene jiddische Welt pflegen und kultivieren.

Hier beginnt nun die eigenartige Kriminalgeschichte (a la Chandler), ein echter Whodunit, der schon nach wenigen Zeilen ein prominentes Opfer findet. Detektiv Meyer Landsmann , ein abgetakelter Trinker und Zyniker, muß in der Absteige, die ihm als Herberge dient, einen Mord aufklären.Der Tote scheint Emanuel Lasker zu sein.

Für uns Schächer mit dem 64-Felder-Tunnelblick zitiere ich ein paar Textstellen, die ein „echter“ Schachspieler niemals so vortrefflich schildern könnte: Ort des Geschehens:Hotel Einstein, „in dessen Cafe die großen Verbannten der jüdischen Schachwelt sich Tag für Tag trafen, um sich herz-und erbarmungslos zu vernichten.Landsmans Vater, zu jenem Zeitpunkt halb irre durch das frisch zugeführte Fett, den Zucker und die schleichenden bösen Folgen von Typhus, machte kurzen Prozeß.Er nahm es mit jedem Ankömmling auf und schickte jeden Einzelnen so vernichtend geschlagen aus dem Einstein, dass ein oder zwei seiner Gegner ihm niemals verziehen.Schon damals legte er die düstere,gequälte Spielweise an den Tag, die dazu beitrug,Landsman den Sport bereits als Kind zu vergällen.“Dein Vater spielt Schach“, sagte Hertz Shemets einmal,“ als hätte er gleichzeitig Zahnschmerzen,Hämorrhoiden und Blähungen.“ Er seufzte, er stöhnte.Wie von Sinnen zog er an den stoppeligen Resten seines braunen Haars oder jagte es mit der Hand kreuz und quer über seinen Schädel wie ein Bäckermeister, der Mehl auf einer Marmorplatte verstreut. Die Fehler seiner Gegner verursachten ihm Magenkrämpfe.Seine eigenen Züge, so wagemutig, überraschend, originell und klug sie auch waren, trafen ihn wie furchtbare Nachrichten, so dass er bei ihrem Anblick die Hand vor den Mund schlug und die Augen verdrehte.“

(„So do I“ – Schachneurotiker)

 

Onkel Hertz’ Stil war ein völlig anderer.Er spielte ruhig, strahlte Gleichgültigkeit aus, hielt den Körper in einem Winkel zum Brett, als erwarte er in Kürze eine Mahlzeit auf dem Tisch vor sich oder ein hübsches Mädchen auf seinem Schoß…..“

 

 

Landsmans Vater schonte auch seinen Sohn nicht, zwang ihn immer wieder zu qualvollen Schachduellen.“Landsmans Vater erlegte seinen Sohn, nahm ihn aus und sezierte ihn, während er ihn von der baufälligen Veranda seines Gesichts beobachtete.“

 

„ Nach einigen Jahren dieses Sports setzte sich Landsman an die Schreibmaschine seiner Mutter und tippte einen Brief an seinen Vater, in dem er ihm seinen Hass auf das Schachspiel

beichtete und bat, nicht länger zum Spielen gezwungen zu werden.“

Leider brachte der Vater sich um, bevor er diesen Brief öffnen konnte. Die Folgen  für den Sohn waren verheerend:

„Er nässte ins Bett, wurde dick, sprach nicht mehr .Seine Mutter schickte ihn zu einer Therapie bei einem bemerkenswert sanften und erfolglosen Arzt namens Melamed.“

 

Der skurrile, schräge , höchst originelle Kriminalroman kehrt immer wieder zum Schachbrett zurück, da nur dort der Fall zu lösen ist. Eine abgebrochene Mittelspielstellung gilt es zu dechiffrieren (das allerdings kennt man aus anderen Werken), doch immerhin gipfelt die Auflösung in der Beletage der Schächerwelt : Zugzwang und – Unterverwandlung!!

Michael Chabon:"Die Vereinigung jiddischer Polizisten"

Kiepenheuer&Witsch, 19.95   Sehr empfehlenswert - auch für NichtSchächer!

Montag, 25.02.2008

Schacholympiade bleibt spannend

Eigentlich kommentiere ich keine "schachpolitischen" Themen, da dies von kompetenten Schachjournalisten tagtäglich geleistet wird. Nun plane ich seit einigen Monaten meine Reise zur Schacholympiade Dresden, da ist auf einmal mein kleines Schächerleben sehr nah mit der "hohen" Politik verknüpft. Der gute Schwiegervater ( Billard - s.unten) schickte mir den beigefügten Pressebericht, der meine Reisevorfreude arg schmälert

Sonntag, 10.02.2008

Schwiegervater spielt gern freie Partien

und ich bin von Beginn an chancenlos, obwohl er keine Ahnung vom Schachspielen hat.

Er ist passionierter Billardspieler . (Die Freie Partie ist die Grunddisziplin von Carambole-Billard. Hier gilt die Grundregel, wonach eine Carambolage dann erzielt ist, wenn der Spielball die beiden anderen Bälle berührt, ohne Einschränkungen).

Morgen reist er wieder an – wie jedes Jahr – um die Team-Weltmeisterschaft im Dreiband-Billard in Viersen zu verfolgen.

Wir unterhalten uns gern über unsere Randsportpassionen und  sind immer wieder überrascht, wie viele Parallelen sich bei genauerer Betrachtung ergeben. Im Jahre 2004 bin ich dann – neugierig geworden – mitgefahren, um die Billardatmosphäre hautnah mitzuerleben. Natürlich verglich ich schon beim Entree den Turniersaal mit der mir vertrauten Schachkulisse. Und ich wurde direkt stutzig: Wohlige Musik rieselte durch die vollbesetzte Halle, die tatsächlich weiterlief, während die Matches begannen. Unten die schweigenden, sich konzentrierenden Meister, oben auf den Rängen die gebannten Zuschauer, die sich tatsächlich ( wenn auch leise) unterhalten konnten. Keine Konzertbesuchpeinlichkeitsatmosphäre beim Aufreißen einer Cola-Dose oder ähnlichen „Störgeräuschen“, stattdessen eine zwanglose Konzentriertheit, die sich bei gelungenen Stößen durch „begeistertes“,unaufdringliches Fingerschnippsen entlud. So konnte ich den Erklärungen meines Schwiegervaters aufmerksam folgen, ohne dass irgendein Spieler sein  obligatorisches

 „R U H Ä !!“ oder ( bei schlechter Stellung) 

„ S C H N A U Z E !! „ durch den Saal brüllte.

Ich fühlte mich wohl.Auffallend auch die „kultivierte“ Kleidung der Spieler ( sorry, ich werde alt) und die Ästhetik der Bewegungen, die durch äußerste Selbstdisziplin und Konzentriertheit geschaffen wurden. Auch nach offensichtlichen „Patzern“ begab sich der Spieler mit „Stil“ zu seinem Sessel, um sich die Bemühungen seines Kontrahenten (neidlos?!) anzuschauen.

„Ein ehrlicher, charakterfordernder Sport“ , dachte ich so bei mir , als ich mir die aktuelle Situation im Spitzenschach (Doping, elektronische Hilfen,Danailov-Scharaden etc) vor Augen führte. Kein „Kiebitz“ konnte hier helfen, auch lautes „Vorsagen“ wäre lächerlich . Beneidenswert. Mein Schwiegervater neigte sich plötzlich zu mir:“ Im Fernsehen gibt es nur noch Pool-Billard, sprich Snooker. Die hohe Kunst DREIBAND-BILLARD ist aus dem Fernsehen verschwunden.“ Sein Gesicht klagend, die Augen zur Festhallendecke gerichtet.

Schon denke ich an „Schach im Fernsehen“ (Pfleger,Hort,Frau Krämer) und zucke zustimmend die Schultern.

Wir fahren zu uns, er fachsimpelt, ich frage und plötzlich fällt mir das vermaledeite SCHACHBOXEN ein, das weltweit für Schlagzeilen sorgte.Da wirft sich eine Randsportart   an die mediengeile Boxerbrust, um sich  - würdelos – ein Sonnenplätzchen zu ergattern. Verkauft wird die ganze Chose als sensationelle Verknüpfung von Geistes - und Körperkraft.Der Gegensatz von feinsiniger Geistesarbeit und grober Fressenpoliererei kommt beim Publikum (natürlich) hervorragend an.

Mein bescheidener Vorschlag: Bleibt auf dem (schallschluckenden) Teppich! Übernehmt die wohltuende Hintergrundmusik von den Billardfreunden. Es gibt viele Parallelen zwischen den beiden Randsportarten.

Einstein says:Billard ist die hohe Kunst des Vorausdenkens. Es ist nicht nur ein Spiel, sondern in erster Linie eine anspruchsvolle Sportart, die neben physischer Kondition, das logische Denken eines Schachspielers und die ruhige Hand eines Konzertpianisten erfordert.

oder: Raymond Ceulemans(erfolgreichster Billardspieler aller Zeiten) "Karambolage ist Schach auf dem Billardtisch"

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Mittwoch, 26.12.2007

Bürgermeisterliches Schach

So lautet die Überschrift eines Kapitels aus einem 1967 erschienenen Büchlein ("Lächeln überm Schachbrett" ) von Martin - Beheim Schwarzbach, der als Autor von "Knaurs Schachbuch" einen bekannten Schachklassiker schuf.

Ich stieß auf dieses "Lächeln" eher zufällig, als ich bei einer spontanen Privatinventur in meinem Wohn-(Schach)Zimmer die (Schach)Bücherwand unsystematisch durchfingerte und plötzlich auf einen "Fremdling" stieß.Ich klappte ihn auf und entdeckte eine Widmung:" Zur Erinnerung an das Blitzturnier mit Robert Hübner und Raymond Keene.Essen-Katernberg 15.12.1967" -

Da wäre ich gern dabei gewesen,dachte ich so bei mir, doch potzblitz, mit der Stadt Essen verbinde ich andere Schacherinnerungen. Also blättere ich etwas verlegen weiter, vertiefe und versenke mich allmählich immer intensiver in diese höchst amüsante Lektüre, wobei die illustrierenden Zeichnungen von Erich Grandeit das zu schnelle Weiterlesen charmant verhindern...

Möge der geneigte Leser folgende Kostprobe genießen:

"Bei einem Schachturnier im Münsterland passierte folgende erbauliche Geschichte:

Erwartungsvolle Stille im Saal, wo die Spieler an den langen Tischen einander gegenübersitzen: gleich wird der Bürgermeister mit dem ersten Zug am ersten Brett das Turnier um die Meistesrschaft symbolisch eröffnen. Die beiden Spieler am Brett Nummer 1 haben eingewilligt, sich dem ersten Zuge des Stadtoberhauptes zu fügen.

Die Fotografen stehen bereit.

Der Mann des öffentlichen Lebens begibt sich ans Brett Nr.1 und hält eine kurze, launige Ansprache:"Ich habe zwar lange nicht mehr gespielt, es war in der Kriegsgefangenschaft, das königliche Spiel ist ja der klassische Zeitvertreib der Gefangenen, ich bin also nur, was man einen Laien nennt, jedenfalls auf diesem Gebiet, aber den ersten Zug bringe ich schon noch fertig." Sprachs und zog.

Alle schauten gebannt aufs Brett: Bauer c7 - c6 !

Verblüffung ringsum. Der Turnierleiter flüstert ehrerbietig:" Schwarz fängt nie an, sondern Weiß!" -- "Ah, richtig, Weiß fängt an, natürlich, wie konnte ich nur!" Die Bürgermeisterhand wandert zur anderen Bretthälfte hin und zieht: " Bauer e2 - d3 !"

Sprachlose Gesichter.Zum Glück war auf den vielen Fotos, die die Bildreporter schossen, nichts von dem originellen Eröffnungszug zu sehen."

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Sonntag, 23.09.2007

Unzurechnungsfähigkeit beim Schach

Im Schatten der Weltmeisterschaft in Mexiko begann die neue Saison der Verbandsliga-Niederrhein. Nach meinem Vereinswechsel war ich darauf erpicht, meinen neuen Mannschaftskollegen zu beweisen, dass ich wirklich eine echte "Verstärkung" bin.

Ein Auftsteiger aus der Verbandsklasse - zudem stark ersatzgeschwächt - trudelte verspätet in unser Vereinsheim. Ich hatte mir in der langen Dürreperiode ein neues Eröffnungssystem als Schwarzer zurechtgelegt und brannte darauf, dies nun erstmals in praxi anwenden zu können. Mein junger Gegner eröffnete mit 1.e4 und ich antwortete - zu meiner eigenen Überraschung - mit 1...c6. Ein alter Reflex war mir aus dem Ärmel gerutscht, und schon kriselte es in mir. Also ein wenig Caro-Kann, dann Abmarsch in die Moderne Verteidigung, und schon trottete ich auf (halbwegs) bekannten Wegen. Zu meiner Freude vermied mein Gegner jegliche Exkursionen in gefährliche Gebiete, sondern hielt sich brav zurück. Zeit für eine Kaffeepause und einen genüßlichen Blick auf die entstandene Landschaft: Stellung nach:

1. e4 c6 2. d4 g6 3. Nc3 Bg7 4. Nf3 d6 5. h3 Nd7 6. Bc4 e6 7. Be3 d5 8. Bb3 Ndf6 9. Qd3 Ne7 10. O-O-O b5 11. e5 Nd7 12. Ne2 Nb6 13. g4 a5 14. a3 Ba6 15. Qd2 

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Mittwoch, 18.07.2007

Es ist ein Meister vom Himmel gefallen

Letzten Sonntag.Dachterrasse.Ich liege auf meiner Liege

und sonne mich in der Sonne.

Am niveaballblauen Himmel schweben – wie oft am Wochenende –

kleine Farbtupfer, die pendelnd und kreisend langsam

nach unten sinken und schließlich dem Blickfeld

entschwinden.

Ich genieße diese kontemplativen Himmelsszenen, die der

benachbarte Segelflugplatz regelmäßig bietet auch wegen

der dramatischen  Unterbrechungen, dem Geknatter der sich

öffnenden Schirme und vor allem – wegen der mannigfaltigen

(Lust-)Schreie der Jungfernflieger, die auf die Besonderheit

ihrer Situation hinzuweisen scheinen.

Ich stelle mir leibhaftig vor, wie es sich anfühlen mag,

wenn jemand wie ich z.B. in der geöffneten Flugzeugtür

sitzt und aus 4000 m Höhe nach unten starrt und in selbiger

Sekunde hinausgeschubst wird…

Ich schaute zurück in mein Buch, das ich schon zum

zweiten Mal genießen  wollte ("Nachtzug nach Lissabon")

und merkte plötzlich, wie das Thema des "Nicht gelebten

Lebens", das den Protagonisten nach Lissabon treibt,

kristallklar, knatternd und schreiend über meinen

Augen inszeniert wurde.

Die Vorstellung, das Schachspielen durch eine andere

Passion ersetzen zu können, waberte schon länger

in   meinem Hirn, zumindest die Vision, die kostbare

Freizeit nicht so intensiv mit dieser verdammten Droge zu

verplempern. Ich schaute genauer hin:

Im Turnierschach kein wirklicher Fortschritt               

Krach mit dem alten Verein,

Unmengen  von Internetblitzpartien, die ich verloren habe,

oder  aber gewonnen habe, - um mir dann unflätige

Beschimpfungen anzuhören…

Da hilft wahrscheinlich nur der kalte Entzug!

 

  – So habe ich die letzten Tage

schachfrei  genossen, kein Blitzen , kein Sitzen, …

Und dann erhielt ich eine mail, in der mir ein alter

Schachfreund mitteilte, dass er am Sonntag in meinem Ort

war, jedoch keine Zeit hatte, bei mir vorbeizuschauen,

da er auf dem Flugplatz einen Termin hatte...

 Ich drängte ihn, mir

einen detaillierten Bericht zu schicken, wohl wissend, dass

er großartig erzählen kann und  somit meinen blog für

diesen Monat retten kann. (Mir fiel wegen der Sinnkrise

wirklich nichts mehr ein).

Da er im Jahre 2006 VERBANDS – MEISTER

des INDUSTRIEGEBIETS wurde, war auch die Frage

nach der Überschrift zu diesem Bericht schnell

geklärt.

 

Danke ULF!!

 Ulfs Bericht:

Frühjahr 2006: Beschluss mit besagter Freundin des Projektes Fallschirmsprung - natürlich in einer Bierlaune.
Herbst 2006: nach monatelangem Festhaltem an dem Beschluss (jeweils in Bierlaunen) ohne Konkretisierung gibt es aufgrund des Wetters keinerlei Möglichkeit mehr zu springen.
Frühjahr 2007: besagte Freundin kümmert sich. Eine gemeinsame terminfindung gestaltet sich ziemlich schwierig, zudem ist der Flugplatz "in der Nähe von Neuss" Wochen im Voraus ausgebucht. Als Termin springt letztlich der 15.7., 18 Uhr, heraus.
15.7., 16:30 Anruf am Flugplatz, ob der Sprung statt findet. Wegen einer angesagten Gewitterfront aus Westen wurden die Chancen auf 50-50 geschätzt, wobei der Rest des Abends absolut sonnig blieb.

16:45: Abfahrt in Düsseldorf, es fährt ihr durch einen Bandscheibenvorfall nicht springfähiger Lebensabschnittsgefährte und hatte seine Kamera am Start, mit der er diverse Megabytes Fotos anfertigte.
17:30 - Ankunft Flugplatz, wir werden darauf hingewiesen, dass ohne Barzahlung kein Sprung statt findet.
17:45 - Ankunft Sparkasse, Grefrath City, um diesen Missstand zu beheben.
18:00 - Wiederankunft Flugplatz. Der 18Uhr-Sprung ist gerade abgeflogen, wir werden zwei Sprünge später um 19 Uhr eingeplant.
18:05 - Sitzen in der Flugplatz-Gaststätte und Verfolgen des bunten Treibens der Eingeborenen. Es kommt erschwerend hinzu, dass das angedachte Bier nicht statt finden darf, weil man bereits einen Schrieb signierte, bei dem man angab, diverse Krankheiten wie Organstörungen, Rückenprobleme, psychische Unregelmäßigkeiten und vieles mehr nicht zu haben, sowie innerhalb der letzten 12 Stunden keinerlei Drogen- oder Alkoholkonsum betrieben zu haben. Dumm gelaufen.
18:10 - ich bemerke einen perversen Hunger, da ich zu jedem Zeitpunkt an diesem Tag noch keinerlei Nahrung in mich schaufelte. Ich wollte nichts drin haben, das eventuell unfreiwillig wieder raus will...
18:45 - wir werden endlich aufgerufen und lernen unsere Sprungpartner kennen. Es handelte sich nämlich um Tandemsprünge, einzeln darf man erst springen, nachdem man diverse Kurse und eine gewisse Anzahl an Tandemsprüngen absolviert hat. Mein Sprungpartner ist ein Niederländer, aber da ich im Gegensatz zu anderen unseren westlichen Nachbarn eine gewisse Sympathie abgewinnen kann (natürlich nur, solange es nicht um Fussball geht, das versteht sich von selbst!), ist das kein Problem.
18:50 - kurze Einweisung anhand von Bildern und Erklärungen: auf keinen Fall beim Sprung am Flugzeug irgendwo festhalten, Hohlkreuz bilden und geniessen. Nach Öffnen des Schirms die Gurte an den Leisten ein wenig lockern, sodass man fast wie in einer Schaukel sitzt. Wieder geniessen. Bei der Landung Hände ich die Kniekehle, Füße hoch und mit dem Allerwertesten zuerst den Bodenkontakt vollziehen - fast analog zu dem, wie man es beim Weitsprung lernte.
18:55 - der unangenehmste Teil des Projekts. Man wird in einen schicken, schwarzen Fliegeranzug gesteckt und mit zig Gurten versehen. Bei den herrschenden Temperaturen durchaus kein Zuckerschlecken.
19:00 - die winzige Maschine rollt an, es passen so gerade eben der Pilot sowie drei Sprungpaare (Springerpaare) rein, die allesamt verrenkt auf dem Boden sitzen dürfen. Das dritte Paar enthielt als Novizin im Übrigen eine Frau, die durchaus mehr Lebensjahre auf dem Buckel hat als der Schachneurotiker.
19:05 - wir sind in der Luft und der Niederländer zeigt mir die Sehenswürdigkeiten - den Borussiapark in Mönchengladbach, die A61, die Maas, Venlo, Roermond und sagt dann auf 1500m Höhe, dass er ungefähr hier die Reissleine ziehen wird.
19:10 - ich werde angehalten, die Kappe samt Schutzbrille aufzuziehen und höre zig Geklicke von den Karabinerhaken, die bis zu zweieinhalb Tonnen halten sollen, nachdem ich mich auf den Schoss meines Sprungpartners setzen durfte. Sämtliche Gurte wurden ziemlich fest angezogen, ich kam mir schon etwas wurstig vor.
19:15 - der Flieger ist bei 3900m, das heruntergelasse Rollo, das die Tür des Fliegers ersetzte, wurde hochgemacht und das direkt davorsitzende Paar mit der älteren Frau war entschwunden. Zum selben Zeitpunkt machte ich mir Gedanken darüber, dass eigentlich Nervösität vorherrschen sollte, das solche aber nicht statt fand. Das machte mich irgendwie schon nervös.
19:16 - wir robbten zur Tür, saßen kurz auf der Kante, ich ging ins Hohlkreuz und plötzlich wurde uns der Boden unterm Arsch weggezogen. Ein absolut irres Gefühl, das sich nur schwerlich final beschreiben lässt und man einfach erlebt haben muss. Mit keinerlei Achterbahn oder Sonstigem zu vergleichen. Gigantische Kräfte wirken auf einen bei knapp 200km/h ein und es herrscht ein Gefühl unendlicher Freiheit vor. Wohlwissend, dass sie limitiert ist. Einer meiner ersten Gedanken in der Luft war die Frage, welcher Mensch wohl als erstes auf die Idee gekommen ist, aus einem Flugzeug zu springen (Wikipedia gibt Aufschluss, wie ich mittlerweile weiss). Interessant ist es wohl, dass die weit unten liegende Erde trotz der Geschwindigkeit gar nicht näher zu kommen schien, obwohl sie mehrere Kilometer näher kam.
19:16:41 - mein Sprungpartner zieht die Reissleine, der Schirm öffnet sich, ohne den vermuteten extremen Ruck, sondern eher relativ geschmeidig. Zu meiner Überraschung erkannte ich sofort den Flugplatz unter uns und machte mich daran, die Gurte an den Leisten zu regulieren, um etwas bequemer "sitzen" zu können. Die Gleitphase als solche ist sehr angenehm, allerdings auch vergleichsweise unspektakulär. Mein Sprungpartner steuerte den Schirm sehr gewieft, sodass wir noch ein wenig hin und her schwangen und mehrfach die Richtung wechselten, während die Erde jetzt trotz der deutlich geringeren Geschwindigkeit relativ schnell auf uns zu kam.
19:20 - wenige Meter vor dem Boden schienen wir deutlich langsamer zu werden und ich tat alles für die Arschlandung, so wie mir geheissen. Zu meiner Überraschung schrie mein Partner dann "Fußlandung! Tu die Füße zuerst auf den Boden" und ich tat das automatisch und stand dann mit beiden Füßen fest auf dem Boden, ohne umzukippen, gar ohne Schwankung oder Ausfallschritt. Der wurde erst nötig, als der Schirm hinter uns aufkam, der zog ein wenig nach hinten, sodass man das ausgleichen musste. Die Landung war also extrem entspannt und unglaublich einfach. Danach wurde alles abgeschnallt, ich quetschte mich aus meiner zweiten Haut und gesellte mich zu unserem Fotographen, der dankenswerterweise bereits drei Weizen orderte. Ein Weizen, wie noch keins zuvor geschmeckt hat.
03:00 - ich liege trotz großer Gesamtmüdigkeit seit Stunden im Bett und kann nicht schlafen, weil ich immer noch total aufgewühlt bin.

 

Nicht ganz unerwähnt lassen sollte man vielleicht die Tatsache, dass ich eigentlich durchaus unter Höhenangst leide. Von jedem Geländer, das mir nicht mindestens zur Schulter geht, halte ich mindestens einen Meter Abstand, selbst wenn es sich nur um den ersten Stock handelt. Angst spielte sich aber während des gesamten Projektes nicht ab - vor dem während des Weizengenusses umherspringenden Hund hatte ich mehr Angst...

Fazit: ich kann jeden Menschen verstehen, für den ein solcher Sprung grundsätzlich nicht in Frage kommt. Allen anderen kann ich aber nur dringstens empfehlen, es einmal zu tun. Ein irres Gefühl, das ich nicht missen möchte. Ich bin mir auch vergleichsweise sicher, dass das nicht mein letzter Sprung war

 

 

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Sonntag, 03.06.2007

Mit Läuferpaaren spreche ich nicht

Gehören Sie auch zu den strategisch-geschulten Sportsfreunden, die am Rande eines Turniers auf die Frage, ob Sie bald dem unvermeidlichen Remis zustimmen werden, entrüstet hochfahren:" Wieso, ich habe doch das LÄUFERPAAR!!"  Schwer haben es in der Regel die kauzigen Gesellen, die sich gern das SPRINGERPAAR "andrehen" lassen. Ich gebe zu, dass ich ebenfalls die Gäule ins Herz geschlossen habe und oft angestrengt bemüht bin, mein (Schach-) Feld so zu beackern, dass sie sich wohlfühlen können

Außerdem bin ich davon überzeugt, dass Springer vom Charakter her ein großes Humorpotenzial in sich bergen.(Ist nicht das "erstickte Matt" die Höchstform einer Schachkomödie? - oder das Mattsetzen mit König und einem Springer gegen König plus Randbauer?) .

 Das hochgelobte Läuferpaar kann sich (im Unterschied zum Springerpaar) nicht gegenseitig decken. Boris Spasski sagte nach seiner ersten gescheiterten Ehe: " Meine Frau und ich, wir waren wie zwei ungleiche Läufer..."

Wenn ich meine Lieblingspartien aus der Meisterpraxis sichte, dann stelle ich fest, dass sehr oft regelrechte Springereskapaden die Würze für meine Bewunderung lieferten.

Ein seltener Glücksfall ereignete sich in folgender Partie,die die Kiebitze in stille Heiterkeit versetzte und auch dem Unterlegenen schließlich ein amüsiertes Schmunzeln abrang.

Weiß: E.Bogoljubow           Schwarz: L.Schmid

Deutsche Schachmeisterschaft Bad Pyrmont 1949

(Anmerkungen sinngemäß zitiert aus dem Buch"Die besten Partien deutscher Schachgroßmeister", Falken Verlag,1983).

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sxd4 Der junge Lothar Schmid hatte tags zuvor beim Frühstück von Meister Heinicke eine Anregung aus Hamburger Schachkreisen aufgeschnappt, die ungewöhnlich und frech - und auch irgendwie spielbar erschien

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Freitag, 04.05.2007

Schach dem Diktator - Pedros Rettungsidee

Vor einigen Tagen fiel mir das Kinderbuch "Der Aufsatz" von Antonio Skarmeta in die Hände, das  mit dem "Unesco-Preis für Kinderliteratur im Dienst der Toleranz" und auch mit dem "Gustav-Heinemann-Friedenspreis" ausgezeichnet wurde. Obwohl ich dieses schmale Werk schon mehrmals (hintereinander) gelesen habe, kann ich es nicht aus der Hand legen. Allein die sehr plastischen Illustrationen von Jacky Gleich verdienen ausgiebige Betrachtung.

"Der Aufsatz" ist ein sehr politisches Buch , das der chilenische Autor, den viele Leser hauptsächlich durch sein Werk "Mit brennender Geduld" (als Film "il postino") kennen, in Erinnerung an die Militärdiktatur  geschrieben hat.

Held der spannenden Erzählung ist der 9-jährige Pedro, der ein sehr normales Leben zwischen Schule,Eltérnhaus und vor allem Fußball verbringt. Er ist klein,aber auch schlau und hat eine sehr wache Beobachtungsgabe. So ist ihm aufgefallen, dass seine Eltern abends häufig vor dem Radio sitzen und aufmerksam zuhören, um "interessante Dinge über uns und unser Land" zu erfahren, so sagen sie es ihm.

 

Einige Wochen später, als er wieder in einem Straßenfußballmatch seine gefürchteten Dribblings zelebriert und auch noch ein Tor schießt, will sich nicht der gewohnte Jubel seiner Freunde einstellen. Alle Beteiligten sind wie gelähmt,als der Vater eines Fußballfreundes von Militärs abgeführt wird."Warum haben sie ihn mitgenommen?",fragt Pedro seinen Freund."Mein Papa ist gegen die Diktatur", sagt dieser leise..

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Freitag, 06.04.2007

Mit 14 hat man noch Träume...

Kürzlich durfte ich im Rahmen einer Offenen Stadtmeisterschaft gegen ein Jungtalent antreten, das ganze 14 Jahre jung ist und schon nach wenigen Turnieren eine DWZ von ca 1760 aufweist. Jeder "Altmeister" weiß, wie undankbar und vor allem DWZ-schädlich eine solche Konfrontation ausgehen kann, da diese Talente in der Regel ihrer "echten" Wertungszahl hinterherhinken. Ich selbst hatte in dem zarten Alter mit dem Schachspielen begonnen, indem ich mich mit "Das kleine Buch vom Schach" täglich in mein Zimmer zurückzog, und auf einem kargen Schachbrettchen ein mühevolles Selbststudium in die Wege leitete. Die harten Worte meines Vaters" Schach ist viel zu schwer für dich!!" trieben mich in diese akademische Enge. Heute - nach 40 Jahren Schachpraxis - neige ich dazu, ihm Recht zu geben.

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Sonntag, 04.03.2007

Das Drama des unbegabten Schachlehrers

Seit einigen Wochen schlich ich um die Einlösung eines vermaledeiten Versprechens herum: Meine Schwägerin hatte mir im Rahmen einer Großfamilienzusammenführung (Mutters 79.Geburtstag) stolz berichtet, daß ihr Jüngster (7) angefangen habe, S C H A C H  zu spielen und auch die S C H A C H  AG der hiesigen Grundschule fleißig besuche. Sie bat mich , doch mal in Kürze gegen den Kleinen eine Partie zu spielen. Er würde sich sehr darauf freuen, und sie habe ihm auch fest versprochen., dass ich dies gerne machen würde...Ich hatte vage - verlegen lächelnd - zugestimmt, da ich dies als meine Onkelpflicht erachtete. " Ja, ja, wenn ich mal Zeit habe, gerne, na klar, das freut mich sehr, dass der Kleine tatsächlich Schach lernen will, da kann ich ihm vielleicht ein wenig helfen"... usw. Und ich fügte mit kräftiger Betonung hinzu:" Das Wichtigste beim Schach ist, dass man das Verlieren lernt!!"  - Damit hatte ich - eher unbewußt - einen Kontrapunkt zu der immens verwöhnenden Erziehungspraxis des Neffenhaushalts markiert.

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Dienstag, 23.01.2007

Viktor Kortschnoi und das Fußvolk in Neuß

  Im Jahre 1978 war Baguio City auf den Philippinen Schauplatz des denkwürdigen WM-Spektakels zwischen Karpow und Kortschnoi.Wenn auch die meisten Beobachter erstaunt waren, dass "Viktor der Schreckliche" einen kompletten Fehlstart mit 1:4 Punkten fabrizierte, so wunderte ich mich nicht im Geringsten ...

Etwa 6 Wochen vor Beginn des Kampfes weilte Kortschnoi in Neuß, wo er eine Simultanveranstaltung  gab (ebenso wie R.Hübner und Bodo Schmidt). Am Meererhof unter freiem sonnigen Himmel erwartete ein bunt -gemischtes Amateurlager gespannt den WM - Herausforderer. der durch seine Abkehr vom Sovietsystem natürlich  der "ideale" Gegner für den regimetreuen Breschnewliebling Karpow darstellte.

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Montag, 01.01.2007

Curacao 1962 - Als Gegner noch Feinde waren...



Neulich besuchte ich mal wieder meinen getreuen Schachhändler, um einige Lustkäufe in Sachen Schachliteratur zu ermöglichen. Mir fiel dabei das Buch von Jan Timman "Curacao 1962 - The Battle of Minds that Shook the Chess World" in die Hände, dessen Titelfoto mich allein schon zum Kauf nötigte: Es zeigt Bobby Fischer und Tigran Petrosjan, die offensichtlich schon vor Beginn der Partie einige Unhöflichkeiten austauschen: Bobby in der Manier eines jungen Angebers grüßt seinen Antipoden wie einen Untergebenen , der gnädigerweise in seiner "Firma" arbeiten darf.



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Freitag, 01.12.2006

Die Weltrangliste und ich


Nach fast 40 Jahren Schachpraxis ziehe ich schonungslos Bilanz:

In der WELTRANGLISTE der FIDE rangiere ich auf Platz 24408, in der NATIONALEN Rangliste auf Platz 3166.

"Da ist noch Luft nach oben" würde meine gutmütige Gattin schmunzelnd hinzufügen, wenn ich ihr dies gestünde.Stattdessen lasse ich sie in dem Glauben, dass ich eine (lokale)Schachgröße bin, für die es sich lohnt, sonntags zum Mannschaftskampf frühmorgens Stullen zu schmieren, die Thermoskanne mit Kaffee zu füllen und im Cockpit des PKW eine kleine "Ritter Sport Nuss" als Überraschung zu hinterlegen.

Alldieweil laufe ich herum, suche "meinen Kugelschreiber", "meinen Rucksack", "mein Lieblingshemd" und verspüre alsbald das altvertraute Gegrummel und Gezerre im Magen, das schon so lange meine Vorbereitungen begleitet. Fast hätte ich's vergessen: Die richtige(!)Musik für die Fahrt... Meine Gattin wirkt erleichtert, wenn ich endlich "Alles beisammen" habe und um die Ecke biege...

Nachdem ich meine Lieblings-CD von Benny Golson eingelegt habe und auch die Sonntagsmorgensonne freundlich durchs Fenster schimmert, fühle ich mich allmählich wohltuend gestärkt, auf dem Beifahrersitz der rot-weiß-karierte Rucksack (Kaffee,Brote,Dextro-Energen,Toilettenpapier,Mineralwasser), vor mir die Aussicht auf die Niederrheinische Landschaft und auf einen Gegner, der mit seiner bescheidenen DWZ von 1830 wohl einen schweren Tag haben wird.

Der Kampf beginnt pünktlich um 10 Uhr. Ich nehme am 4.Brett Platz., begrüße freundlich meinen Gegner mit dem Satz, den ich mir nicht abgewöhnen kann:" Möge der Schlechtere gewinnen!" und lächele . Dieser verzieht keine Miene, sondern eröffnet mit 1.f4. Irgendwie paßt dieser Eröffnungszug nicht zu meinem Gegenüber, der mir sehr rustikal und rundlich-rotwangig , eher bäuerlich erscheint." Ein schneidiger Angriffsspieler sieht anders aus..." Nun gut. Ich antwortete mit 1...e5 und hoffe schon auf 2.fxe5 d6 3.exd6 Sf6?! 4.dxc7 Dxc7 mit baldiger Rückfahrt. Ohne zu zögern folgt allerdings 2.d3, was mich leicht irritiert. Also 2...exf4 3.Lxf4 Df6 4.Dc1

Wir flogen also beide netterweise "aus dem Buch", schon habe ich nach nur 4 Zügen als Schwarzer Oberwasser.Locker folgt 4....Lc5 5.e3 Se7 6.Sf3 Sd5 7.d4 Sxf4 8.exf4 Lxd4 9.c3 De6+ 10.Le2 . Nachdem mein Gegner die Eröffnung so erbärmlich behandet hatte, will ich alle taktischen Mätzchen, die am Horizont auftauchen könnten, im Keim ersticken. Ein technisch-leicht gewonnenes Endspiel strebe ich mit dem folgenden Zug an:

10....De3. 11.Dxe3 Lxe3 Die Pointe ist nun klar: Weiß verliert noch einen weiteren Bauern (f4 oder b2) und sollte eigentlich aufgeben. Nein, er spielt einfach weiter: 12.g3


also: 12. ...Lc1 13.a3 Lxb2 14.Ta2 Lc1

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Dienstag, 26.09.2006

Hape Kerkeling - ein weiser Wegweiser

Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Bestseller von Hape Kerkeling " Ich bin dann mal weg" durchzulesen ,um seine Jakobswegwanderung mitzuerleben.

Sein Fazit:

"Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und eine Einladung. Er macht Dich kaputt und leer. Und er baut Dich wieder auf. Er nimmt Dir alle Kraft und gibt sie Dir dreifach zurück."

Diese Zeilen fielen mir wieder ein, als ich vor einigen Tagen von einem Schachturnier heimkehrte, wo ich gerade von einem "Patzer" jämmerlich gedemütigt worden war. Die Schmach saß so tief, dass ich sie am nächsten Tag sogar einem befreundeten Nicht-Schachspieler mitteilen mußte. Er konnte mir nicht helfen - so schien es; doch plötzlich sprachen wir einträchtig und voller Enthusiasmus nur noch vom Kerkeling - Buch. Und dann folgte mein Geburtstag, und dann folgte eine Überraschung, und dann folgte ein befreiendes Lachen, als er mir sein Geschenk überreichte:

Danke Peter!

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Freitag, 18.08.2006

Von Riesen und Zwergen

Manchmal gelingt es mir, mehrere Stunden am Tag nicht an Schach zu denken. Doch unterschwellig ist die Sucht jederzeit abrufbar, wenn auch nur eine klitzekleine "Eselsbrücke" den Weg kreuzt. So geschehen gestern, als ich in aller Unschuld ein Buch von  Wolfgang Hey aus dem Regal zupfte mit dem Titel "Von Riesen und Zwergen" .Der Autor, ein ehemaliger Bürgermeister und Landrat aus Rheinland-Pfalz, hat eine illustre Auswahl seiner "satirischen Verse" zu Papier gebracht , eingeleitet mit einem Vorwort von  Dieter Hildebrandt . "Dann wirds wohl nicht so jämmerlich amateurhaft sein", dachte ich und putzte neugierig abwartend meine Brillengläser.

Ich schlug das Büchlein irgendwie einfach auf, landete auf S.46:

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Sonntag, 02.07.2006

Der Schachspieler auf dem Rennrad

Tim Krabbes Roman ?de Renner? endlich auf Deutsch erschienen.

Nach fast 30 Jahren ist dieser Radsportklassiker endlich auch für deutsche Krabbe-Fans lesbar: ?Das Rennen?, ein autobiografischer Roman, der nicht nur für Cyclisten ein literarisches Meisterwerk  darstellt, sondern auch für jeden ambitionierten Sportler eine wahre Fundgrube an sprachlicher und psychologischer Kunstfertigkeit bereit hält.

Die Schachfreaks kennen Krabbe meist nur als Urvater der Schachbloggs, der mit seinen ?Schachkuriositäten? seit vielen Jahren beste Unterhaltung bietet: http://www.xs4all.nl/~timkr/chess/chess.html  Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der junge Tim schon mit 15 Jahren Radrennfahrer werden wollte, jedoch nicht das nötige Kleingeld für ein Rennrad aufbringen konnte. So blieb er beim Schach. Mit 30 Jahren legte er das Schachbrett zur Seite , um doch noch seinen Platz auf dem Rennrad einzunehmen. Als leidenschaftlicher Radsportler führt er uns in seinem Roman  durch ein Amateurradrennen 1977 in den Cevennen (Tour de Mont Aigoul). Seine Psychologie des Sports , die Unerbittlichkeit des Siegenwollens. die Schmerzen des Todeskampfes, schildert er so eindringlich, dass der Leser sich gleichsam in einem Begleitfahrzeug wähnt, aus dem ungefiltert diese existentiellen Fahrerkämpfe zu beobachten sind:

?Mein ganzes Leben hatte im Rückblick nur ein Ziel gehabt:dieses letzte Hinterrad zu erreichen, hier , jetzt.Ich konnte nicht mehr.Aber diese forteilende Ziellinie, acht,sieben,sechseinhalb Meter vor mir,hielt meine Hoffnung und mein Verlangen wach.

?Ich hustete und spuckte.Ich erinnerte mich  an den Ratschlag :?Schalte, wenn du wirklich am Ende bist, in einen höheren Gang. Ich schaltete.Ein paar hysterische Tritte auf dem Dreizehner, die geballte Kraft des Todeskampfes.Ich war da.Ich hing am letzten Hinterrad.Ich war Mitglied der Spitzengruppe.?

 

Seine Erfahrungen als Schachspieler begleiten den ehrgeizigen Radsportler übergangslos, fast assoziativ. Als ein junger Außenseiter schon frühzeitig einen Ausreißversuch unternimmt, der von den erfahrenen Fahrern nicht einmal ernsthaft registriert wird, weil er von kompletter Dummheit diktiert wurde, fällt dem Schachspieler Krabbe sofort seine eigene ?Lehrstunde? ein:?

?Krabbe brachte in seiner Partie bereits nach 5 Zügen ein Aufsehen erregendes Damenopfer, sodass sich um seinen Spieltisch Trauben von Zuschauern bildeten.Nach 10 Zügen gab er auf.?

Im Peloton wie im Sport allgemein gelten für Krabbe knallharte Regeln.?Wer sich mit anderen misst,will gewinnen, will den anderen ausschalten, ihn am Boden liegen sehen.

?Nichts zischt so schön wie der platzende Reifen eines Konkurrenten?

Gerade diese martialischen Beschreibungen des Sportlerhirns liefern ehrliche und amüsante Auskünfte .Kein ? Dabei-sein-ist-alles? ? Gefasel der Sonntagsredner kann Krabbe gelten lassen, nein, er polarisiert und polemisiert herzerfrischend, setzt gerne noch ?einen drauf?:

 

?Wer ein guter Verlierer sein kann,sollte vom Sport ausgeschlossen werden.?

 

Ich gebe zu, dieses Buch zweimal hintereinander gelesen zu haben, obwohl ich mein Fahrrad lediglich zum Einkaufen und zum schüchternen Sichern meines PKW-Führerscheins benutze.

Radsportweisheiten, die Krabbe immer wieder am Rande einstreut, kann man ( auch als Schachspieler) nicht oft genug lesen. Er zitiert z.B den berühmten Radrennfahrer Hennie Kuiper, der dem ambitionierten, doch schon etwas gealterten  Radnewbie Krabbe folgenden strategischen Rat mit auf den Weg gibt:

?

Radsport ist ein Sport der Geduld.Radsport bedeutet, zuerst den Teller des Gegners leer zu essen, und sich erst dann den eigenen Teller vorzunehmen.?

ich wünsche diesem beeindruckenden Werk viele Leser:

Tim Krabbe ?Das Rennen?, Reclam Verlag,

 ISBN:3-379-00848-8, 12?

 

 

 

 

 

Sonntag, 28.05.2006

Daniel Harrwitz - Wat für 'ne fiese Charakter

Daniel Harrwitz (1829 - 1884) war zu seiner Zeit einer der führenden Schachmeister Europas.In Breslau geboren verschlug es ihn  schon recht früh in die Schachzentren Londons und vor allem Paris. Auffallend an ihm der große Kopf auf kleinen Schultern, die schachmustergestickten Hemden und Krawatten und vor allem seine dandyhafte-überhebliche Art, seine Umwelt zu behandeln. In London  legte er in einem Match mit Staunton den Grundstein für eine fundierte Feindschaft, an der der umstrittene Engländer nicht schuldlos war. (Staunton war so unbeliebt, dass sich das CITY of LONDON MAGAZINE in seinem Nachruf weigerte, " die alte Regel zu befolgen, nach der man über Tote nur Gutes sagen solle.Das mögen Verfasser von Grabinschriften tun, deren Geschäft es ist, Lügen in Marmor zu meißeln."( aus: Wolfram Runkel "Schach,Geschichte und Geschichten"). Im Laufe des Wettkampfs ergab sich in einer turbulenten Partie ein heftiger (schachlicher) Schlagabtausch, der mit einem Bauernverlust des Engländers endete.Dieser nun konnte es nicht verwinden, dass seine "Gewinnkombination" so schnöde krepierte.Er jammerte vor sich hin (" I have lost a pawn") und schien diesen mehrmals wiederholten Stoßseufzer nicht gegen sich sondern gegen seinen Gegner zu richten. Harrwitz riß der Geduldsfaden.Er klingelte nach dem Ober und sagte:" Herr Ober , würden Sie bitte den Fußboden absuchen, mein Gegner muß hier irgendwo einen Bauern verloren haben!"

Weitere hochkarätige Wettkämpfe folgten: Gegen Adolph Anderssen (5:5) und vor allem gegen den Überflieger Morphy, der ihn im Cafe de la Regence zu einem Match herausforderte. Zur Überraschung der Fachleute gewann Harrwitz die ersten beiden Partien. Spätestens hier jedoch verfestigte sich der Eindruck vieler Zeitzeugen, die dem eitlen Breslauer vorwarfen, er sei "unausstehlich nach Niederlagen und ebenso unausstehlich nach Siegen". Nachdem er die 2.Partie gegen den Amerikaner gewonnen hatte, beugte er sich über den Tisch, nahm das Handgelenk Morphys und verkündete - triumphierend in die Runde schauend - " oh, sein Puls geht nur ein wenig schneller, als wenn er gewonnen hätte". Morphy hat anschließend den Wettkampf souverän gewonnen!

Ein schönes Beispiel, wie man einen "fiesen Charakter" wundervoll in das Spiel der Könige integrieren kann, lieferte der gescholtene Dandy dann bei einer Simultanveranstaltung: Hier verweise ich voller Respekt und Dankbarkeit auf die Site von Edward Winter ( s.Blogroll), der die folgende - von mir sehr frei übersetzte - Anekdote zu Tage förderte:

In einer Partie war des Meisters Springer von einem schwarzen Bauern angegriffen.Der offensichtliche Weg war natürlich, dieses Pferdchen wegzuziehen, doch...Harrwitz sieht plötzlich, dass ein vierzügiges Matt möglich ist, wenn er den Springer stehen läßt und sein Gegner ihn nimmt. Allerdings würde der Amateur doch sehr stutzig werden, wenn der Meister einfach seinen König zur Seite bewegen würde, obwohl das Pferdchen hängt.  Da kam dem durchtriebenen Fiesling eine geniale Idee:

Er zog entschlossen Sb3 xe5 . Einen illegaleren Zug hätte er kaum erfinden können ( Sb3 - d5 erschien ihm vielleicht "unklar"?!).Prompt reklamierte der Amateur. Harrwitz protestierte und wurde unruhig. Schließlich sah er sein "Versehen "ein, machte den zur damaligen Zeit obligatorischen Strafzug mit dem König (!) nach b1 . Sein Gegner schlug hart und blitzschnell den Springer auf b3. Daraufhin kündigte der Schlaufuchs adhoc ein Matt in 4 Zügen an und gewann mit : 1.Dxa6+ Txa6 2.Lxa6+ Kb8 3.Td8+ Lc8 4. Txc8 matt!

Dienstag, 16.05.2006

Vom Donner gerührt...

Eine der schillerndsten Figuren in der Schachszene war  zu seiner Zeit der Niederländer Jan Hein Donner ( 1927 - 1988). Er galt - hinter Euwe - als zweitbester GM seines Landes, der u.a. auch einmal gegen Bobby Fischer gewann (1962).Als engagierter   Journalist neigte er zu polarisierenden Auseinandersetzungen, die er auch schonungslos in der Öffentlichkeit austrug. Traurig - komische Berühmtheit erlangte er durch zwei Partien, die er "wunderschön" verlor. 1968 spielte er in der Schlußrunde des Büsumer Turniers gegen einen jungen Deutschen namens Hübner, der bislang noch keine GM-Norm geschafft hatte.      

 Weiß:Donner       Schwarz:Hübner                                                                               

Mittwoch, 10.05.2006

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall..."

Für mich ist ein Open-Turnier der Inbegriff von Urlaub: Abdriften in eine Ersatzwelt, Zurücklassen der Familie (also auch Urlaub für sie), Pollenschutz, Sonnenschutz, Nachbarnschutz usw... Da mir dies nur maximal einmal pro Jahr möglich ist, bin ich natürlich in der Regel "untrainiert", schwach, unsicher, kurzum grundsätzlich Außenseiter: Ein Jockey im Basketballfeld.

So erlebt auch letztes Jahr am Niederrhein, wo ich schon frühzeitig auf einen ELO-starken ( 2250) und auch körperlich kräftigen Athleten traf, der sich zudem auch noch beim Nachdenken weit übers Brett beugte.Ich wagte weder über noch unter dem Brett ( er trat natürlich auch entsprechend "über") Paroli zu bieten, setzte mich seitlich, die Füße lässig schwebend parallel zur Tischkante, als würde ich in einem griechischen Hafen einen Ouzo trinken. Ich war wild entschlossen, mit dieser "beiläufigen" Art meine Harmlosigkeit zu signalisieren. Mein Vorbild in dieser Hinsicht IWANTSCHUK, der  gerne unnachahmlich ins Nichts schaut und dabei jeglichen Bodenkontakt verloren zu haben scheint.

Auf gehts. Ich reiche ihm das Schwämmchen, er drückt es aus und setzt die Uhr in Gang.

Weiß: ich                      Schwarz: ER

1.e4  c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.c3 ?! ( psychologisch erzwungen) dxc3 5.Sxc3 e6 6.Lc4 a6 7.a4 d6 8.0-0 Sge7 9.Sg5

                                                                                           

 

Sonntag, 30.04.2006

Quickie mit Caissa

Im Sommer 1975 fuhren wir ( 6 Studenten der Uni Düsseldorf) nach Stuttgart, um gegen die dortige Uni-Schachabteilung einen Vergleichskampf auszutragen .Unser Obmann , Mediziner und Patzer in Personalunion, hatte den dicken Mercedes seines Vaters organisiert und chauffierte uns bei brütender Hitze und atemberaubender Geschwindigkeit über die Autobahn. Die Gedanken ans Überleben beschäftigten uns mehr als die übliche Angst vor den Schachkünsten unserer Gegner.

Wir stiegen aus , blaß, hungrig, fix und fertig. Ein geräumiges Lokal mit separatem Gesellschaftsraum(Turniersaal) empfing uns ebenso wie die freundlichen Gastgeber, die schon alles vorbereitet hatten .Als der Mannschaftsführer der Schwaben  gerade zur Begrüßungsansprache ansetzen wollte, hob unser Rennpilot leise die Hand und erbat eine 15 minütige Verschiebung des Kampfes, damit wir noch etwas essen konnten.Stattgegeben. Pommes, Schnitzel,Salat etc , es gab keine Kompromisse.Es war die pure Not. Dann allerdings, die Servietten noch mit Restmayonnaise getränkt,stellte sich eine satte Erschöpfung ein, die wohl als "Freßnarkose" zusammengefaßt werden kann.

Die Gegner nahmen Platz und schauten begierig (ungeduldig?) in den Speiseraum, wo plötzlich unser Obmann ein Tütchen aus seiner Medizinerjacke hervorzauberte."Wenn ihr wollt, ich habe hier ein paar Aufputschmittelchen, AN 1, ausnahmweise, das belebt ". Wir griffen einfach zu und warfen die Pillen en passant in unsere Kehlen. Der Kampf konnte endlich beginnen.

Mein Gegner gab mir freundschaftlich die Hand. Wir wünschten uns "eine spannende Partie" und vor allem "viel Spaß".

Heiming (Düsseldorf) - Schwab (Stuttgart)

1. e4 e5 2.Sf3 d6 3.d4 Sf6 4.dxe5 Sxe4 5.Lc4  ich bemühte mich , langsam zu spielen, um die Hilfe meines "Sekundanten" schon frühzeitig erleben zu dürfen. 5...c6 6.exd6 Lxd6 7.0-0 0-0 8.Dd4 eigenartigerweise fühlte ich mich recht wohl, obwohl ich diese Stellung noch nie auf dem Brett hatte. Ich lächelte unserem Medizinmann freundlich zu, der - aus irgendeinem Grunde - zufrieden nickte. 8...Te8 9.Sbd2 Sc5 10.b4 Se6 11.Lxe6 Lxe6 12.Lb2 f6 13.Tad1 Dc7 14.Se4

14...Lf8 

Schon einige Züge vorher ratterten mir diverse "Schnellzüge" durchs Gehirn, die in für mich ungewohnter Manier geschmeidig und elegant - jeden Crash vermeidend - in unglaublicher Klarheit ihre Strecken absolvierten. Ich war hellwach, alles schien transparent, einfach, es rechnete und tickte in mir , ohne das von mir gewohnte Chaos, ohne das Verheddern im Variantengestrüpp, das oft genug meine Züge entgleisen ließ. Nie war ich vor Ende der Partie jemals glücklich gewesen, jetzt jauchzte ich innerlich und hätte am liebsten einen geistigen tabledance vollführt. Ich war mir so wohltuend fremd, dass es mich schauderte...

15.Dxf6!!   (die Ausrufungszeichen sind rein subjektive Erinnerungswertungen).Ich schwebte gen Schachhimmel. Meine Euphorie trieb mich völlig angstfrei in die Arme CAISSAS, wo ich - Medikamente wirken auf mich sehr stark, weil ich sie selten nehme - mit offenen Armen empfangen wurde. Die Muse hatte mich nicht nur geküßt, sie war mit mir schnurstracks ins Bett gegangen...15...gxf6 16.Sxf6+ Kf7 17.Sg5+ Kg6  Schmunzelnd hatte ich auf 17...Ke7 gehofft, um dann mit 18.Sg8+ Lxg8 19.Te1 + nebst Matt fortzusetzen.18.Sxe8 De7 19.Sxe6 Dxe6 20.Sc7 Dxa2 21.La1 Sa6 22.Sxa8 Lxb4 23.Td7 nun gut: Weiß hat 2 Türme für die Dame und "mannigfaltige Drohungen", doch irgendwie macht sich leichte Ernüchterung (Müdigkeit?) breit. Die Wirkung der Pille läßt nicht nur allmählich nach, sondern eine bleischwere Müdigkeit bricht sich irgendwie Bahn. Mir fällt nicht viel ein, verdoppele die Türme auf der 7.Reihe oder später auch mal auf der g - Linie, völlig konfus bestelle ich mir einen Kaffee. Doch...

Irgendwie habe ich die Partie, die zwischendurch remislich, dann sogar eindeutig für mich verloren war, gewonnen.

Ich erspare mir und dem Leser die beiderseitigen schnöden Patzerzüge, die noch folgten.

Was bleibt , ist die Erkenntnis, dass Drogen im Schach lächerliche Hilfsmittel sind, und ...

dass eine hingebungsvolle Verehrung der Göttin Caissa mehr zählt als ein schnöder Quickie...

Donnerstag, 27.04.2006

Michail Tal in Duesseldorf 1975

"Michail Tal kommt im September zum UZ-Pressefest nach Duesseldorf "

Diese Nachricht ließ mich 1975 am Tisch meiner WG aufjauchzen. Mein Vorbild, dessen Partien ich jahrelang feinsäuberlich gesammelt und mehrmals staunend nachgespielt hatte, schickte sich an, nach Duesseldorf zu kommen, um dort zwei Simultanveranstaltungen auf den Rheinwiesen zu geben.

Meine linkslastigen Freunde, die mich bei Bedarf jederzeit in die Ecke drängen konnten, in dem sie meine Klötzchenschieberei als "kapitalistisches Kriegsspiel" brandmarkten, nahmen diese Zeitungsnachricht gelassen zur Kenntnis. Für sie war das angekündigte Erscheinen von den Politbarden Degenhardt, Kittner und Wader natürlich wesentlich interessanter.

Dennoch, die Aussicht mit ihnen gemeinsam das große Fest zu besuchen ( jeder auf seine Art) unter dem großen Banner des Sozialismus, das hatte seinen linksromantischen Charme.

40 Amateure säumten die Tische in dem großen Schachzelt jenseits des Rheins. Da ich mich als erster angemeldet hatte, saß ich an "Brett 1", d.h. am ersten Tisch der Manege. Als alle Plätze besetzt waren, erschien der Exweltmeister M.Tal in Begleitung eines Organisators , der eine kurze Ansprache hielt. Im Hintergrund, blass, hager, graubetucht, stand etwas verlegen ein junger Mann, der vom Redner ebenfalls vorgestellt wurde: Oleg Romanishin, frischgebackener Großmeister. Höflicher Applaus, kaum einer kannte ihn.

Der Zauberer aus Riga begrüßte Brett 1, ich erhob mich , machte einen "Diener", vergaß völlig die Ablehnung meiner "guten Erziehung" , und notierte 1.e4.Dann schaute ich versonnen meinem Idol hinterher, wie es die 39 anderen Bretter bediente.

   

In schneller Folge, zielsicher und souverän, erledigte Tal seine ersten Runden, ohne dass sein Rhythmus außer Tritt geriet. Nach etwa 2 Stunden jedoch hielt er plötzlich inne, als er mein Brett betrachtete. Er beugte sich vor, stützte seinen rechten Ellenbogen , Kinn in Hand, auf die Tischplatte und zögerte...

Sofort huschten einige Kiebitze herbei, die ein Drama witterten, oder gar einen schlimmen Unfall, den sie unmittelbar bezeugen könnten. Irgendetwas schien der Meister übersehen zu haben, der hastig an seiner Zigarette zog ( das machte er wohl auch in klaren Gewinnstellungen). Ich paffte entschlossen meine HB und hielt dagegen...

Schließlich entschied sich Tal für einen überraschenden Springerrückzug, der mir nicht erklärlich schien und schritt zum nächsten Brett. "Du stehst auf Gewinn", flüsterte plötzlich eine aufgeregt-heisere Stimme hinter mir. Ich schraubte mich nach hinten, wo ich den Flüsterer sofort erkannte, Ein starker Düsseldorfer Spieler, der in der (damaligen) Bundesklasse spielte. Er sah wohl mein ratloses Gesicht und fuchtelte immer heftiger irgendwelche "Gewinnvarianten" durch mein Gesicht. Je weiter sich der Meister entfernt hatte, desto eindringlicher die Appelle des Lokalmatadors, erst ... a5, dann Td8 und dann Kh7 zu spielen mit klarem Endspielvorteil etc. Ich schlug immer wieder den Unteram des "Sekundanten" nach oben, um mir freie Sicht aufs Spielfeld zu ermöglichen, doch dann stand da pötzlich wieder der Meister. Ich zog ohne Nachzudenken ...a5, Tal antwortete postwendend Kh2 und wanderte weiter. "Siehst du, Siehst du, was hab ich gesagt?" - "ihm fällt nichts mehr ein" tönte triumphierend mein Berater, "jetzt noch schnell Td8, dann kann er einpacken". Ich war fassungslos. Die Partie war mir - nachdem ich "auf Gewinn stand" - völlig entglitten. Ferngesteuert von diesem unseligen Besserwisser verlor ich völlig mein Gleichgewicht.

Nach etwa 4 Stunden gab Tal auf, reichte mir freundlich-schmunzelnd die Hand und lächelte anerkennend.

Meine Scham war kaum zu bändigen..

Ich stand benommen auf und lief und lief  ...meinen treuen WG-Freunden in die Arme, die mich mächtig feierten...

Sonntag, 02.04.2006

Am Krankenbett des Fernschachs

- ein paar ketzerische Gedanken -

Die  gute alte Zeit des Postkartenfernschachs habe ich nur als Zaungast erlebt. Anrufe mitten in der Nacht , die mich aufschrecken ließen, durfte sich nur ein Schachfreund erlauben, der nicht nur Nahschach in Nah und Fern , sondern auch  Fernschach leidenschaftlich betrieb.

Es ging mir sehr nah, zumal ich sehr anfällig war für ?unglaubliche Varianten?, die der  engagierte Telefonanalytiker nach stundenlanger Arbeit herausgefiltert hatte. Nur zur ?schnellen  Überprüfung? ? (? vielleicht habe ich einen groben taktischen Witz übersehen?)

nötigte er mich regelmäßig aus meinem Schlafgemach ins Schachzimmer, wo ich seine

diversen Partiestellungen  wie in einem Museum aufgebaut hatte.

Er hatte mich in einer Bierlaune mal zum SEKUNDANTEN ernannt, was  ich schmunzelnd

und ein wenig stolz ( er war ein recht starker Spieler) wie einen Ritterschlag  aufnahm.

 

Kurzum: Ich hing irgendwie mit drin. Wochenlang warteten WIR auf Post aus der Sovietunion ( die  - da waren wir uns sicher ? einige Großmeister als Sekundanten beschäftigten), ich hörte mir die Jammereien über inkorrekt eingetragene Bedenkzeiten der Gegner an,  und dann irgendwann, wenn ich mich  längst meinen Nahschachambitionen wieder zugewandt hatte, schrillte morgens um 3.30 Uhr das Telefon?

 

Vorbei sind diese ? anstrengenden ? Zeiten. Nur noch wenige Fernschächer reißen ihre Fenster auf, um  aus der Ferne den herannahenden Postboten frühzeitig zu entdecken.

Wer läuft heute noch schweißgebadet zum Briefkasten, um den offensichtlichen Fehlzug, den man leider eingeworfen, aber noch nicht ganz abgeschickt hat, dem Postkastenleerer abzuschwatzen (?Entschuldigung, es geht um Leben und Tod?). Vorbei die philatelistischen

Austauschaktivitäten, die Pinzetten liegen nicht mehr neben dem Analysebrett?

 

Und heute?

 

Ich spiele seit einigen Jahren selbst Fernschach. ( ohne Sekundanten).

 

Allerdings habe ich einige Mitarbeiter eingestellt, die als ENGINES  Tag und Nacht für mich arbeiten. Immer wieder nehme ich Neueinstellungen vor, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Nachdem Fritz 8 ( ich duze meine Mitarbeiter) lange Zeit vortrefflich analysiert hatte, musste ich ihn durch einen jüngeren ( menschlicheren!) Analytiker ersetzen. Meine Aufgabe ist es,

die Augen offen zu halten, um immer das Optimum zur Verfügung zu haben.

 

Mein schönes Holzschachbrett  habe ich dem hiesigen Schachverein geschenkt. Briefmarken sammelt heute nicht mal mehr mein Sohn?

 

Hoch lebe das altehrwürdige Nahschach!

 

 

 

 

Sonntag, 19.03.2006

Hommage an Woody Allen

Bei der stundenlangen Überlegung, wie denn mein b l o g g

gennant werden möchte, hörte ich schließlich auf zu sinnieren, braute mir einen Senseo-Kaffee zusammen, setzte mich in den ohrenlosen Sessel und starrte erschöpft ins Leeere (Fernsehen).

Irgendwie kam mir plötzlich Woody Allen in den Sinn, den ich immer  um seine hochdotierte Melancholie beneidet habe. Woody Allen, der Perfektionist, der leidenschaftlich unzufriedene N E U R O T I K E R  ließ mich schenkelschlagend -entschlossen wieder an den Pc zurückkehren.

Nach wenigen Handgriffen fand ich das Interview, das er der Zeitschrift GALA im letzten Jahr gegeben hatte, wo er über Schach und Liebe gesprochen hatte:

Gala: Was haben Schach und Liebe denn gemeinsam?

Allen: Auf den ersten Blick nicht besonders viel. Auf den zweiten Blick gibt es da schon Parallelen. Wenn man so will, sind Sex und Liebe eine Art Kunstform. Wie ein Künstler strebt man sein Leben lang nach Perfektion und scheitert immer wieder. Wir haben diese Vorstellung von der perfekten Liebe, die wir nie erreichen werden. Ich bin mit einer Frau ins Bett gegangen, und es war fantastisch. Aber schon kurz darauf dachte ich: Das kann doch nicht alles gewesen sein. Es muss etwas noch Besseres geben, noch besseren Sex. Und so geht es immer weiter und wird zur Obsession. Denn Sex scheint wie das Weltall zu sein: Unendlich. So kann man sich sein Leben lang damit beschäftigen und am Ende zu der Überzeugung gelangen, dass man einiges, aber eigentlich doch nicht viel darüber weiß. Jedem Künstler oder Schachspieler wird es ähnlich ergehen. Diese Erkenntnis hat doch etwas Deprimierendes, oder?"

Genau! Das sind  die Sorgen und Begrenzungen des Schach- und Liebesamateurs, die den Nährboden für satirische, kabarettistische, kurzum für höchst unterhaltsame Betrachtungen bieten.

Als leidenschaftlicher Amateur möchte ich in diesem Sinne - im Allenschen Sinne -  die Liebe (zum Schach) und die daraus enstehenden kuriosen Auswüchse kommentieren...